Opensim: mit Volldampf in die Vergangenheit! 3

Opensimulator hat ein schönes Feature namens Hypergrid. Das bedeutet kurz gesagt, dass egal wo man hingeht immer sein eigenes Inventar mitnehmen kann und — mehr noch — externe Sachen im eigenen Inventar landen. Das ist eine nette Sache und funktionierte anfangs recht gut.

Die Implementierung stammt von Diva Canto und die erste Version hieß Hypergrid 1.0. Diese war als Proof of Concept gedacht und lief dafür schon recht gut. Sie hatte allerdings einen konzeptionellen, großen sicherheitstechnischen Fehler: der fremde Simulator sah das komplette Inventar des Besuchers und der Assetserver des Besuchers arbeitete treudoof ohne die Überprüfung der Legitimität jedwede Anweisung des fremden Simulators ab. Das konnte einfach das Einpacken eines neuen Objektes sein, aber auch Löschanweisungen.

Da es keinerlei Sicherheitsüberprüfungen gab, war und ist es mit dem Stand von Hypergrid 1.0 möglich, dass ein fremder, bösartiger Server mein komplettes Inventar mal eben so löscht und ich selber bekomme das gar nicht mit. Nun sagen viele: weit hergeholt und davon habe ich noch nie etwas gehört. Tja, aber Jungs und Mädels, nur weil ihr es noch nicht erleben musstet heißt das noch lange nicht, dass es unmöglich ist. HG 1.0 hat einfach sicherheitstechnisch genau dieses riesengroße Loch in Form eines offenen Scheunentors, und ich bin mir sicher, keiner wird dafür die Hand ins Feuer legen, dass nicht doch irgendwo da draußen solche Simulatoren sein könnten und wenn man die dann besuchen sollte, dann hat man eben Pech gehabt!

Diva Canto sah das Problem und es wurde Hypergrid Version 1.5 geboren. Die wesentliche Neuerung dieser Version (es gab i5 und i7) war, dass es fortan einen recht schlechten und holprig zu bedienenden Ordner namens “My Suitcase” gibt. Der fremde Simulator sieht fortan nur noch diesen und kann nur noch in diesem wüten, mehr aber auch nicht. Das ist ein erheblicher Zuwachs an Sicherheit, genau dafür ist es gedacht. Das Problem in der Handhabung des Ordners ist aber, dass die normalen Inventarfunktionen wie Objekte ins Inventar rüberziehen oder Zeug aus dem Ordner löschen nicht funktionierten und bockig sind. Ohnehin ist er nur als Übergangslösung für Hypergrid 2.0 gedacht, das inzwischen aktiv ist und alle drei Protokollversionen beherrscht. Man muss sich dabei eben für eine entscheiden.

Nun ist es also so, dass die Handhabung dieses Ordners viele Benutzer überfordert. Also was machen nun einige Grids? Sie steigen wieder auf die veraltete und in dem Punkt sicherheitstechnisch bedenkliche Protokollversion 1.0 für das Inventar des Hypergridprotokolls um und preisen das sogar noch als Fortschritt für die Benutzer an! So geschehen im Osgrid, Metropolis und Dorenas World.

Die genauere technische Erklärung dabei ist diese: Opensimulator verfügt inzwischen standardmäßig über Hypergrid 2.0, aber man kann das Inventarhandling wenn man will auf frühere Versionen “runterfahren”, um mit diesen kompatibel zu sein.

Übrigens hält die Macherin des Hypergrids von solch einem Schritt genau das: nämlich rein gar nichts. Aber lest selbst:

[UPDATE 9/23] I should be more clear. The existing HG1.5 inventory service, which lets users still access their entire inventory abroad, will still be available in the future. Grids can continue to use that. They can even use the normal inventory service (HG1.0 style) on the Hypergrid, which has no restrictions whatsoever about inventory manipulation. Both of these, however, especially the normal inventory service, are horribly insecure and expose users to all sorts of risks regarding their inventory. Unless the networked grids have 100% trust in each other, I don’t recommend using them.

Also ist das Downgrading auf das vrealtete Inventarhandling nun wirklich gut? Nein! Sicher, die Handhabung wird wieder für die Benutzer einfacher, aber wer um das Problem von Hypergrid 1.0 nicht weiß und nicht regelmäßig Backups seines Inventars erstellt, der wird möglicherweise irgendwann wenn er mal wirklich auf einen solchen Simulator treffen sollte nur noch dumm dastehen. Denn es hat schon seine guten Gründe gehabt, wieso Diva Canto “My Suitcase” als notwendig erachtete und das ist eine Sache, auf die die Benutzer dieser Grids wohl kaum hingewiesen werden.

Opensim und der Rest 8

Während Linden Lab ja mit Hochdruck dabei ist, seine Technik und die Plattform mit Hochdruck um neue Features zu erweitern, die so wirklich Sinn machen — Serverside Baking, Material System usw. — tritt Opensim scheinbar auf der Stelle. Zumindest findet dort nicht wirklich erkennbar eine Entwicklung von solchen Sachen statt.

Die Folge wird schlicht und ergreifend sein, dass Second Life Opensim technisch bis auf einige, wenige Spezialitäten wie das Hypergrid massiv abhängen wird und Opensim wird es immer schwerer haben, den technischen Vorsprung von Second Life aufzuholen.

Vielleicht wollen sie das auch nicht, nur wird so die Schnittmenge an gemeinsamer Funktionalität eben deutlich kleiner im Laufe der Zeit. Vielleicht wäre jetzt mal endlich so langsam ein guter Zeitpunkt, dass Opensim den Schnitt der da facto sowieso kommen wird endlich praktiziert und gewisse Sachen selbst in die Hand nimmt. Warten wir es ab.

Ähm… wie bitte?!? Aurora Scape macht schon dicht? 1

Am 01.02.2013 eröffnete Aurora Scape seine Pforten. Dieses Grid basiert auf Aurora Sim, einem Fork von Opensimulator.

Vor knapp zwei Wochen haute der Inhaber von Aurora Scape noch eine Meldung raus, dass er für den unerwarteten Erfolg bestens gerüstet sei. Mehr noch, der Macher von Aurora selber arbeitet gerade an einem neuen Assetserver, der auf NoSQL (Vorsicht, Buzzword!) basieren soll.

Und nun? Jetzt, wo es am Schönsten ist, macht das Grid schon wieder zu! Kein Scherz, es wird geschlossen weil Timothy Rogers der Meinung ist, es gäbe einfach nicht genügend Interessenten an Aurora Sim!

Hat man da noch Worte…

Und da fror dann fast die Hölle zu… 1

Es zeigt sich mal wieder deutlich: Totgesagte leben länger, genauer: Hallow Palmer is back, alive and some motherfucking bad ass kicking!

Er hat bereits angekündigt, ab Mai 2013 ein neues Opensimgrid betreiben zu wollen. Das Ganze soll als Nachfolger für das inzwischen durch Fusion aufgegangene Grid4Us gelten. Na, das wird sicher spannend.

Hallow Palmer ist vor allem noch den Leuten bei Avameet drüben in deutlicher Erinnerung geblieben, was unter anderem an seinen sagen wir teilweise mal recht unglücklichen Postings in dem Forum liegt.

Kurze Durchsage von Hiro: ab sofort gibt es keine Town Hall Meetings im OSgrid mehr!

Hiro Protagonist macht Ernst und schafft beerdigt weiter etablierte Elemente der Communitymitarbeit. Er berief dazu extra ein Town Hall Meeting ein, um genau diesen Punkt kundzutun:

[2013/02/10 14:05] Hiro Protagonist: The only business we will cover is that this will be the last meeting. This ‘function’ will, in the future, be served through a set of suggestion boxes near each of the plaza landing points. We will cook those notecards down once a week into a set of like comments, complaints, or issues, and address each issue (not each notecard) in a weekly post to a locked forum thread.
[2013/02/10 14:06] Hiro Protagonist: This will cut the signal to noise ratio down to a level where every one can be heard without being shouted down.
[2013/02/10 14:06] Hiro Protagonist: including me.
[2013/02/10 14:06] Hiro Protagonist: Thank you all for coming
[2013/02/10 14:06] Hiro Protagonist: /me waves

Es werden dafür ab sofort überall Meckerkästen aufgestellt, jeder der mag kann seine Wünsche&Beschwerden da einwerfen und einmal die Woche werden diese in einem Post im Forum kommentiert. Ja, so ist das.

Wer noch immer im OSgrid hocken sollte, der sollte langsam mal wirklich seine Koffer packen und es verlassen. Wer weiß, was da noch weiteres kommen wird.

Hiro Protagonist, der neue Diktator vom OSgrid 11

Das OSgrid hat ein massives Problem namens Hiro Protagonist. Früher wurde es bei einer Universität in Kalifornien gehostet, zog aber Ende 2012 zu einem kommerziellen Provider um. Damit verbunden war auch ein Wechsel an der Spitze, Nebadon Izumi, der bisher Chefadministrator des Grids war, hörte auf und zurück kam dafür Hiro Protagonist, ein strammer, konservativer Südstaatler. Hiro zahlt aus einem Privatvermögen nun alleine 1/4 der laufenden Kosten, wie man es dreht und wendet, man kommt um den Purschen also momentan nicht herum.

Diplomatie ist auch nicht seine Sache und vor allem hat er ein Feindbild, welches er am Liebsten in OSgrid auszurotten scheint: Kinderavatare. Er hat sich schon mehrfach öffentlich in Town Hall Meetings gegen diese ausgesprochen und gesagt, er würde nun die Regeln auf den öffentlichen Plazas wie Wright Plaza durchsetzen, dass diese dort unerwünscht seien. Mehr noch, er wirft bei Town Hall Meetings in den Plazas Leute, die als Kind kommen, direkt von der Sim und löscht angeblich sogar deren Accounts.

Kurz und gut, er gibt so richtig den Kotzbrocken und Unsympath, der aber leider eben auch die Macht hat, seine Visionen durchzudrücken, weil er einen Großteil des Betriebs bezahlt. Das Ergebnis seiner bisherigen Aktionen ist eine massive Flucht von Benutzern, die sich bisher in OSgrid wohlfühlten, weg, raus, egal wohin, Hauptsache nur nicht unter der Knute dieses Mannes leiden müssen. So haben sich inzwischen große Teile der deutschen Community  von OSgrid im liberaleren Metropolis-Grid angesiedelt und sind nun dort glücklich.

Unter den Gehenden sind dabei viele, langjährige tragende Säulen von OSgrid, kurz: dank Hiro Protagonist verliert es seinen Kitt, die Community und wird um etliches ärmer. Was aber soll man auch in solch einer Situation noch machen? Was nunmal nicht passt, das passt eben nicht zusammen und fertig.

Auch sonst sind die aktuellen Entwicklungen, die mehr oder weniger offen im OSgrid stattfinden, ein wenig merkwürdig bis sonderbar. Wer dort noch aktiv sein sollte, der sollte vielleicht mal überdenken, ob bei solch einem Riesenego an der Spitze es nicht besser wäre, sich fortan woanders umzutummeln.

Inventarexport-Dienstprogramm für Opensim angekündigt

Auf der Mailingliste “Opensim Users” ist seit gestern durch eine Ankündigung von Snowcrash Short (nachzulesen hier) eine denkbar lebhafte Diskussion entbrannt.

Worum geht es? In Kurzfassung darum: Snowcrash Short hat angekündigt ein clientseitiges Tool zur Dezentralisierung von Benutzerinventaren zu schreiben, das er in zwei Wochen als Opensource veröffentlichen will.

Die Idee dahinter ist, dass das Inventar und die dahinterliegenden Assets vom Benutzer kontrolliert werden könnten. Es sei für ihn frustrierend, in X Grids X verschiedene Inventare zu haben. Zu diesem Zweck habe er ein Tool geschrieben, das das Inventar in einen lokalen Cache kopiert und dann in ein anderes Grid kopieren kann. Dabei sei es so geschrieben, dass es die Second Life Richtlinien für den Export beachte, es gäbe auch eine uneingeschränkte Version für Opensim.

Diese simple Ankündigung reichte schon aus, dass in der ansonsten recht friedlich vor sich hin dümpelnden Liste ein gewaltiges Echo ausbrach.

Beispielsweise meldete sich Melanie Thielker von Avination zu Wort und findet gibt ihm folgenden Rat:

My advice is to consult a lawyer at your place of residence, as in some jurisdictions producing software capable of performing these actions is a criminal offense.

IMHO, open source is a very bad idea for this type of software.

Nun, auch eine Meinung, nur ist sie damit mal eben fünf Jahre zu spät dran. Warum? Ganz einfach darum, weil das Übertool für den Inventarklau seit über fünf Jahren bereits Opensourcesoftware ist — nämlich der Second Life Viewer selber. Da ist alles drin, was man jemals dazu brauchen wird und das stört da inzwischen keinen mehr.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob man die Schranken für den Export senken sollte oder auch nicht, nur: wer unerlaubt kopieren will, der tut das so oder so, egal nun ob es dieses Tool gibt oder nicht. Das alleine kann kein Hinderungsgrund mehr sein, es nicht als Opensource zu veröffentlichen, sonst kann man gleich bei Stored Inventory bleiben.

So oder so jedenfalls eine interessante Lektüre und man sieht, dass auch die OS-Community zumindest dort für solche Themen sehr sensibel geworden ist und nicht längst alles offen begrüßt, was irgendjemand schafft.

Was bleibt? Die Ankündigung, dass das Tool kommen wird und dann wird man weiter sehen.

Schöner Lügen mit Statisik 10

Bei Wagner James Au wird ja — mal wieder — der Second Life Untergang prophezeit, weil man sonst nichts besseres zu tun hat und schlechte Nachrichten einfach noch immer am Besten gehen. Man stelle sich nur einmal vor, Second Life würde wachsen und alle wären glücklich — wäh, furchtbar, das interessiert doch keine Sau, nein die Lust am Untergang ist es, die uns alle antreibt!

Nun hat also der Herr Au eine etwas fragwürdige Quelle für statistische Zeitreihen angebohrt und ergötzt sich daran, wie schlimm doch mal wieder alles ist, so rundum furchtbar — und Second Life hat innerhalb von 11 Wochen über 1000 Sims verloren.

Nun, was ist davon zu halten? Schaut euch mal das Säulendiagramm an, den er von hier hat. Dieses Diagramm ist nämlich total unbrauchbar, es ist schwer auszuwerten. Warum? Ganz einfach weil die X-Achse, die die Anzahl der Sims darstellt, nicht ordentlich eingezeichnet ist. Normal würde man nämlich nach oben eine gewisse Schrittweite einzeichnen und einhalten, meinetwegen 50, 100, 150 usw. — und nicht unten nur die Null und oben die 487. Außerdem fehlen horizontale Linien, kurz das Diagramm ist absolut für den Müll und wertlos.

Dann kommt dazu, dass man mit diesem Diagramm noch keine Vergleichswerte hat. 1000 Regionen in elf Wochen ist das viel, ist das wenig und wieviel ist das bitte in Relation zur Gesamtzahl der Sims?

Besser gearbeitet und damit auch besser zum Bilden der eigenen Meinung ist da das Diagramm von Tyche Shepherd, das ist nämlich im Gegensatz zum anderen Diagramm recht sauber gearbeitet. Wenn man schon Trends aus einem Diagramm ableiten will, dann sollte man das nehmen.

Und siehe da: auch dort ist der neue Abwärtstrend gut sichtbar. Die grundlegende Analyse also, dass Second Life im Vergleich zu früher nicht nur auf hohem Niveau stagniert, sondern gerade in einer bisher ungeahnten Geschwindigkeit schrumpft, ist zutreffend.

Nun ist die nächste Frage, die man sich stellen sollte: ist das gut oder schlecht für mich? Wenn man sich ansieht, wieviel brachliegendes Land es gegeben hat und gibt, dann ist das sollte es bei einer gesunden Schrumpfung bleiben, erst einmal gut für die Bewohner. Denn so wird Linden Lab gezwungen, wieder verstärkt auf die Bedürfnisse seiner Bewohner einzugehen, neue Bewohner zu akquirieren und sich flexibler zu zeigen.

Sollte dieser Trend allerdings zu lange anhalten, dann wäre das schlecht, denn dann ginge Linden Lab langfristig pleite.

Aber wie das eben mit Trends so ist, es kann keiner sicher voraussagen, wie lange sie anhalten und Linden Lab wird schon aus ureigenstem Interesse daran arbeiten, dass dieser Trend bald nur noch Geschichte ist. Es bleibt also spannend und Sorgen werde ich mir erst dann machen, wenn Linden Lab das Ruder eben nicht mehr herumreißen kann.

Also ist das alles, nur bisher kein Grund zur Panik, im Gegenteil.

Übrigens sieht die unvermeidliche Maria Korolov von Hypergrid Business in diesem Trend eine deutliche Migration von Second Life nach Opensim. Das ist ihre Deutung der Dinge, und natürlich bejubelt sie neue Höchststände bei der Anzahl der insgesamt existierenden Regionen in OS-Grids überhaupt, wie man eben so als Chef-Jubelperser für Opensim gestrickt ist, alles so schön bunt und besser da!

Nur: mit solchen Interpretationen sollte man immer vorsichtig sein, denn sie müssen noch lange nicht zutreffend sein. Um sie wirklich zu erhärten, müsste man sie mit Erhebungen untermauern, und da dürfte es dann doch ein wenig hapern. Sicher wird ein Teil der abwandernden Bewohner sich erstmal in Opensim anschauen, die Frage ist aber wieviel Prozent der Auswanderer landen dort und vor allem wieviele der dort gelandeten Auswanderer bleiben dann da dauerhaft?

Das sind die richtigen Fragen, die man stellen muss, um das zu erörtern — und das Problem dabei ist, dass man so etwas kaum stichhaltig erfassen können wird. Also bleibt dann eben nur der Blick in die Kristallkugel und das war’s.

Die Kathedrale und der Basar und wie Fragmentierung einem Projekt mehr schadet als nützt

Eric S. Raymond verfasste und veröffentlichte 1996 einen der grundlegenden Essays zum Thema Opensource: “Die Kathedrale und der Basar.” In diesem beleuchtet er genauer die unterschiedlichen Vorgehensweisen zwischen kommerzieller Softwareentwicklung und Opensource.

Herkömmliche Softwareentwicklung ist dabei für ihn die Kathedrale: es gibt einen Chefarchitekten, der genau bestimmt, in welche Richtung hin sich die Entwicklung bewegen wird, und dieser leitet das Projekt unangefochten.

Im Gegenzug meint er, dass Opensourcesoftware nach einem anderen Modell entwickelt wird, das er den Basar nennt: da jeder zu einem Projekt beitragen kann, gibt es wenn die Entwicklerbasis für ein Projekt groß genug ist, verschiedene alternative Ansätze zur Lösung desselben Problems, aus denen sich der Projektleiter das seiner Meinung nach am Besten geeignete rauspicken kann — oder man baut einfach beide gleichzeitig ein. Nach Raymonds Meinung ist der Basar wegen seiner Vielfalt der Kathedrale deutlich überlegen. Als erfolgreiche Bestätigung für dieses Modell sieht er den Linux-Kernel an.

Damit mag er Recht haben. Auch Opensimulator selber ist im Grunde so ein Basar: jeder, der zu diversen Problem beitragen will, der kann das natürlich gerne tun, und so ist es oft geschehen und geschieht es auch weiterhin. Auch ist zweifelsohne Opensimulator ein recht erfolgreiches Softwareprojekt: es gibt eine große Nutzerbasis, eine stabile Community um das Projekt und viele kennen es.

Dennoch hat Opensimulator in meinen Augen ein Problem, nämlich seine BSD-Lizenz. Das ist eine der zwei großen Opensource-Lizenzen, die es gibt.

Die bekanntere Lizenz ist von der amerikanischen Free Software Foundation die GPL. Die GPL selber wird auch gerne als virale Lizenz bezeichnet, denn sie besagt folgendes: hier hast du den Sourcecode, mach damit was du willst, solange du die Lizenz beachtest. Solltest du Änderungen an dem Projekt vornehmen und vertreiben, dann hast du auch diese Änderungen dem Projekt unentgeltlich zugänglich zu machen.

Oder anders gesagt: einmal Opensource, immer Opensource. Ein Beispiel dafür, was das genau bedeutet, ist das Android-Projekt. Die haben den Linuxkernel geforkt, jeder Smartphonehersteller nutzt dabei seine eigene Version inkl. Treibern und wegen der GPL sind sie dann dazu verpflichtet, diese Quellcodes der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Das tun sie dann auch nach dem erscheinen einer Androidversion mehr oder weniger flott, und deshalb gibt es auch eine große Community an Custom ROMs und dergleichen mehr.

Die BSD-Lizenz selber ist liberaler, sie sagt nämlich nur folgendes: hier ist der Code, mach damit was du willst. Das einzige, was wir erwarten, ist dass du unseren Namen irgendwo nennst und fertig. Wenn du auf Basis dieses Codes kommerzielle Software entwickelst und verkaufen willst, dann kannst du das tun, den von dir auf unserem Projekt aufbauenden Quellcode aber musst du nicht veröffentlichen, wenn du nicht willst. Das ist genau der Gegensatz zur GPL, denn unter der GPL darf man das auch tun, aber muss eben den Quellcode mit den eigenen Änderungen veröffentlichen. Mehr Analysen zum Thema GPL und dessen Sinn liefert in gewohnt guter Qualität Kristian Köhntopp. Lesen!

Nun ist es so, dass Opensimulator die Basis vieler, kommerzieller Grids ist. Diesen kommerziellen Grids ist aber möglicherweise das Plain Vanilla Opensim nicht mächtig genug, weil ihnen da einfach gewisse Features fehlen oder sie ihnen nicht weit genug fortgeschritten sind. Das kommt ja vor, und warum auch nicht, das ist keine schlechte Sache, im Gegenteil es treibt zuerst einmal das Projekt voran und sorgt mitunter für die Entwicklung besserer Komponenten.

Das tut es nun auch tatsächlich, so manches kommerzielle Opensimgrid hat einen oder mehrere Entwickler, die beispielsweise eine bessere Scripting-Engine basteln, die Physik massiv aufbohren oder vieles andere mehr. Diese gridspezifischen Eigenheiten sind dann die Merkmale, mit denen die Grids unter anderem gegeneinander in Konkurrenz treten.

Nichts gegen Konkurrenz, und unter der BSD-Lizenz ist das auch alles erlaubt, aber das Ding ist dann dies: wegen der BSD-Lizenz besteht absolut kein Zwang, die Verbesserungen , Änderungen und Erweiterungen am Opensim-Code mit dem Projekt zu teilen. Was hier also faktisch passiert ist, dass es einen Haufen geschlossener Forks von Opensim gibt, die alle in house entwickelt und gepflegt werden, von denen aber je nach Politik des Entwicklers ggf. nur wieder sehr wenig zurück an die Community fließt.

Beispielsweise war das untergegangene Meta 7 Grid stolz auf seine eigens entwickelte Scripting Engine — und dann gingen sie pleite, die Engine verschwand mit ihnen. Wäre Opensim unter der GPL lizenziert, dann hätten sie diese veröffentlichen müssen und es ans Projekt zurückgeben müssen.

Nun sind Forks normalerweise kein Problem, solange gewährleistet ist, dass man noch innerhalb derselben Codebasis Quellcode tauschen kann. Das ist aber bei Opensim und seinen Abkömmlingen nicht überall unbedingt mehr gegeben.

Man stelle sich nur einmal vor, wie weit Opensim schon sein könnte, wenn es unter der GPL gestanden wäre und all diese netten Inhouse-Entwicklungen Bestandteil der Kerndistribution wären. Da es das aber leider nicht ist, ist das ein frommer Wunschtraum.

So aber bleibt es eben so, wie es ist: es gibt eine einigermaßen stabile Kerndistribution und viele, viele kommerzielle Grids mit ihren Eigenheiten. Sollte aber solch ein Grid untergehen, dann verschwindet mit dem auch dessen Inhalte und die auf deren Eigenheiten basierenden Dinge ziemlich sicher auf Nimmerwiedersehen. Das ist mit Meta 7 damals so geschehen, und keiner kann garantieren, dass nicht irgendwann noch andere Grids pleite gehen werden und dann das Spiel von vorne beginnt.

Schade, aber das ist eben so. Wer wirklich einigermaßen sicher in Sachen Opensimulator agieren will, der sollte daher besser nur die frei verfügbaren Komponenten einsetzen und sich nicht von irgendeiner Firma abhängig machen, die er kaum kennt, weil er gerade erst meinetwegen die Schnauze von Linden Lab voll hat.

Denn wieso sollte man sich von der einen, heftigen Umklammerung freiwillig direkt in die nächste begeben wollen? Wenn schon Freiheit, dann aber auch eben richtig!

Einige Gedanken zu Opensim 4

Fleep Tuque hat ja in ihrem neuesten Blogpost Opensim massiv gepusht. Ihr Gedankengang dazu ist ungefähr der folgende: als die Zeit des großen Second Life Hypes gewesen ist, da dachten damals, alles sei möglich. Man glaubte ernsthaft, man würde eine bessere Welt erbauen, diese am Entstehen sehen und daher war es eine offene, freundliche Atmosphäre und Community an Leuten, die etwas bewegen wollten.

Mit dabei von der Partie war der damalige CEO Philip Rosedale, der ja von sich selber sagte, er baue kein Spiel sondern einen neuen Kontinent.

Dieser Pioniergeist ist aus Second Life schon lange, lange entwichen. Linden Lab interessiert sich nicht mehr für Bildungseinrichtungen, diese haben ohnehin lieber selber die Kontrolle über ihre Sims und sind meist nach Opensimulator abgewandert.

Auch gäbe es eine Vielzahl an Managemententscheidungen von Seiten Linden Labs, die zeigen würden, dass sich Linden Lab von dem Ziel, das Metaversum (mit) errichten zu wollen, schon lange verabschiedet habe. Rod Humble würde mehr darauf setzen, es mit Spielelementen anzureichern und ein großes Signal dafür sei ja, dass Second Life nun bald über Valves Verkaufplattform Steam zur Verfügung stehen würde.

Kurz und gut, so ist ja Fleeps Credo: das Metaversum sei nach wie vor möglich, aber man müsse etwas dafür tun, damit es Realität würde und eines wisse sie mit Sicherheit, nämlich dass es nicht von Seiten Linden Labs kommen würde. Second Life hätte es werden können, bei all der Abschottung und aktuellen Entwicklungen aber wird es niemals mehr das werden können.

Und genau daher empfiehlt sie ja, dass man sich aus der Umklammerung von Second Life befreien solle, indem man in einem offenen Opensimgrid neu anfängt. Auch wenn Opensim vielleicht nicht all die Inhalte bieten würde, die man gewohnt sei, so ist Opensim das Projekt, bei dem noch am wahrscheinlichsten ist, dass es zum Metaversum werden könnte. Damit mag sie recht haben, wenn nicht Opensim was dann? Sehr viel anderes gibt es da nicht gerade auf dem Radar an weiteren Entwicklungen.

Der Pioniergeist, der einst durch Second Life wehte, ist in offenen OS-Grids allortens spürbar. Ob es aber gelingen wird, mit OS das Metaversum erbauen zu können, ist eine andere Sache.

Wenn, dann ist das genau die Aufgabe eben für Pioniere. Ein Problem aber, das Opensim schlicht und einfach hat ist, dass es nach wie vor ein Nischenprodukt ist. Opensim wird hauptsächlich von einer Schar an SL-Unzufriedenen genutzt, die sich oft dann damit zufrieden sind, irgendwo in einem Grid ihre Sim als Wohnzimmer zu haben und von Einrichtungen, die es für ihre Zwecke nutzen aber gerne alles selber unter Kontrolle haben, wie eben Universitäten. Da glänzt es.

Es hat auch mit dem Hypergrid-Protokoll eine wesentliche Voraussetzung zur Schaffung eines Metaversums mit eingebaut. Eigentlich ist genau dies das Pfund, mit dem Opensim wuchern könnte. Mit Hypergrid braucht man keine zentralistische Struktur mehr wie Second Life, jedem seine eigene kleine Sim irgendwo mit Assetserver, alles schön verteilt und dezentral, wie beispielsweise auch das World Wide Web aufgebaut ist. Das dann eben mit all seinen Vor– und Nachteilen. Aber genau das ist es, was das Metaversum ausmachen würde: diese Offenheit und Freiheit.

Klingt wie eine schöne Idee und erstrebenswert, das ist es auch. In der Praxis dürfte es dann aber bei manchen Leuten an Fragestellungen scheitern, an die wir wohl kaum denken. Beispielsweise kann es im Rahmen einer Schulung dazu kommen, dass jemand gerne Powerpoint on a Prim auf seiner Sim zeigen würde, ja könnte gehen aber man darf suchen, bis es funktioniert — oder nutzt statt dessen HTML on a prim.

Was mir persönlich ein wenig bei Opensimulator einfach fehlt, damit es endlich den notwendigen Durchbruch schafft, ist die Erarbeitung eines richtig eigenen Profils. OS wird immer irgendwie als billige Kopie von Second Life angesehen, wo alle nur so fleißig rumkopieren und das war es auch.

Es steckt viel mehr in der Software drin, aber solange man sich nicht auf die eigenen Stärken besinnt und vielleicht auch einmal endlich einige harte, aber auch notwendige Schnitte vornimmt, wird es bei OS so bleiben, wie es ist, nämlich als ein Projekt mit viel Potential, das es aber nicht schafft, dies vollends auszuschöpfen und viele zu begeistern.

Es ist nun einmal so, dass bei Linden Lab sicherlich ein gut finanzierter Programmiererstab mit einer zweistelligen Anzahl an Leuten alleine an der Serverseite schraubt; damit kann Opensim nicht mithalten. Also müsste man, wenn schon die Prioritäten anders setzen.