Springe zum Inhalt

3

In der Nachlese des Prozesses vom vergangenen Montag kam mir wieder ein Gedanke brennend zurück ins Gedächtnis, den ich schon länger habe: wir sind alle viel zu nett im Rollenspiel ! Wirklich!

Ich meine, es ist ja eine total andersartige, raue Welt, in der wir uns aufhalten. Also muss normal auch die Sprache, derer man sich bedient, entsprechend klingen und auch ein großes Gefälle zwischen den Kasten geben. Ein Schreiber als Meister des geschliffenen Wortes hat natürlich einen anderen Wortschatz drauf als meinetwegen ein Bauer, und das muss man dann auch entsprechend hören können. Und Schreiber unter sich werden sicherlich auch respektvoller miteinander umgehen als meinetwegen ein Schreiber gegenüber einem Bauern, der ja mit die niederste Kaste überhaupt hat.

Auch ansonsten wäre weniger Benimm für das Rollenspiel eine interessante Möglichkeit, würde unsere Welt noch farbiger und lebendiger gestalten helfen. Ich machte es ja im Prozess vor, indem ich einfach mal mit der Faust auf den Tisch haute, als der Ankläger nahezu schon über eine reale Stunde mehr oder minder monologisierte und die Verteidigung bisher kaum zu Wort kam. Sicher, ob man das vor einem normalen goreanischen Gericht machen würde, keine Ahnung, aber ein Richter dort würde den Ankläger auch längst nicht so lange sabbeln lassen ist mein Gefühl.

All das setzt natürlich auch voraus, dass auf beiden Seiten ein entsprechendes Sprachgefühl herrscht und man genau weiß, was normaler Sprachgebrauch und was Beleidigung ist.

Ein Beispiel, wo es mir persönlich viel zu zivilisiert und erdenhaft zugeht, sind die normalen Anreden, nämlich Lady und Sir. Für uns selber klingt das adelig, hochgestochen, zivlisiert, mir persönlich ist es meistens zu hochgestochen, in den Büchern ist es viel mehr das Analogon zu Frau Meier und Herr Müller. Nur: wieso sollte ich jeden dahergelaufenen Dorftrottel, noch Outlaws/Piraten/Panther/blablala diese Ehre zu teil kommen lassen und so behandeln?

Ich bin inzwischen mehr dazu übergegangen, lieber Frau Bla und Herr Murks zu sagen, wenn überhaupt oder gleich zu duzen. Das nimmt schon viel Distanz raus und erlaubt ein ganz anderes Spiel. Natürlich gibt es hier auch ein gewisses Gefälle, gegenüber einem Administrator wird man doch nach wie vor eher Sie sagen, als ihn zu duzen. Das Problem haben die Engländer ja nicht, weil es in ihrer Sprache einfach diese Unterscheidung nicht gibt. Gleichwohl würden in den Büchern die Leute, wenn schon man es so gewollt hätte, anders angesprochen werden, also ist Du die eigentliche Standardform der Anrede.

Eine Frau kann dabei auch ruhig mal als Weib bezeichnet werden, auch das Wort hat ja bei uns eine Bedeutungsverschiebung erfahren, ein Bauer als Bauer, der fühlt sich vielleicht sogar geehrt, usw.usf.

Ebenso natürlich geht es auch in den Tavernen und Gaststätten viel zu zivilisiert zu. Martin Luther selber sagte mal "Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket?" - das zeigt viel über die Bedeutungsverschiebung dieser Körperlaute. Wenn dort die Leute essen, dann meistens auch viel zu sehr nach dem heutigen Verhaltensmuster, ebenso beim Trinken. In einer richtigen Pagataverne gönnt man sich durchaus schon mal den Spaß, seine Kajira als Druckausgleichsbehälter vor den Augen der anderen Männer zu benutzen, ist ja nichts dabei, in Sl-Gor wird man lange suchen müssen, so etwas gespielt zu finden.

Ach ja, und Sprachgefühl, es setzt natürlich auch voraus, dass die Gegenseite mitmacht und ein Bauer nicht gleich "Aber aber, ich bin ein SÖR und sieze mich gefälligst!" sagt, wenn man ihn als Bauer tituliert und mit Du anspricht.